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Silber bleibt spannend

Benjamin Feingold, Feingold Research

Silber erstrahlt auch heute heller als gewohnt und kratzt erstmals an der Marke von 120 USD je Feinunze. An Börsen wie gettex dominieren Wertpapiere auf das Edelmetall seit Tagen die Ranglisten und verzeichnete extreme Umsätze. Wie lange kann diese Marktentwicklung anhalten?

Kurse machen bekanntlich Nachrichten – und die bereits bekannten Argumente für die Rally werden nun wiederholt: geopolitische Krisen, Zolldrohungen, der Boom der KI, industrielle Nachfrage und ein Angebotsdefizit gelten als Treiber. Doch es gibt auch neue Nachrichten, die Anleger unbedingt beachten sollten, wie etwa der hohe Preisaufschlag in China. 

Anders als an westlichen Börsen wie New York oder London, wo überwiegend „Papiersilber“ an Terminmärkten gehandelt wird, dominiert in Shanghai der physische Handel. Dort liegt der Preis rund 15 Prozent über dem internationalen Spot. Das wird gern als Beleg für eine starke physische Nachfrage herangezogen – und für die Annahme, dass die Rally nicht von Spekulanten getrieben, sondern durch realen industriellen Bedarf gestützt wird.

Rahmenbedingungen ändern sich

Doch Vorsicht: Silber in China unterliegt einer 13-prozentigen Mehrwertsteuer (VAT), die vor allem Kleinanleger und kleine Händler trifft und die sogenannte „Shanghai Premium“ erklärt. Diese Steuer bildet die Basisprämie, doch der aktuelle Anstieg dürfte nicht allein steuerbedingt sein. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel von Steuern, Angebot und Nachfrage sowie kurzfristigem Marktverhalten. Die physische Nachfrage verstärkt die Basisprämie, die Margins am Terminmarkt und spekulative Aktivitäten sorgen für zusätzliche Volatilität. 

Auch an den westlichen Börsen lohnt ein genauer Blick. Die CME Group hat seit Dezember auf die massive Volatilität reagiert und die Sicherheitsanforderungen (Margins) mehrfach erhöht. Am 28. Januar 2026 trat eine weitere Verschärfung in Kraft: Die Margin stieg von 9 Prozent auf 11 Prozent des Nominalwerts. Auf den ersten Blick sind 2 Prozentpunkte vielleicht unscheinbar, doch bei einem Standardkontrakt von 5.000 Unzen und einem Silberpreis von 117 USD steigt die erforderliche Sicherheitsleistung von 52.650 USD um 11.700 USD auf 64.350 USD – und wer 100 Kontrakte hält, muss über Nacht zusätzliche 1,17 Millionen USD bereitstellen. 

Investmentideen auf Silber

Margins spielen bei Zertifikaten oder Hebelpapiere hierzulande keine direkte Rolle, eher indirekt durch entsprechende Positionsanpassungen bei den Profis. 

Am einfachsten können Anleger über Index-Zertifikate 1:1 in Silber investieren, etwa mit dem währungsgesicherten Papier mit der ISIN DE000GS0HH32 (Goldman Sachs). Eine Managementgebühr fällt hier nicht an, genauso wenig wie bei dem währungsgesicherten Silber-Index-Zertifikat mit der ISIN DE000HW3KLX6 (uniCredit). Wer sich nach der Verdopplung des Silberpreises innerhalb eines Jahres absichern oder auf fallende Kurse setzen will, kann mit einem Silber-Turbo-Put von fallenden Preisen profitieren. Das Papier mit der ISIN DE000HM1UAZ9 der HSBC hat einen moderaten Hebel von 3,2. 

Ein alternatives Hebelpapier ist ein Discount-Put von BNP Paribas auf Silber mit der ISIN DE000PK496L7. Das Papier ist riskant und bietet eine Renditechance von rund 140 Prozent, sollte der Silberpreis bis zur Fälligkeit im September auf 70 Dollar oder tiefer fallen. Endet der Silberpreis dann bei 75 Dollar oder höher entsteht ein Totalverlust, so dass Anleger hier nur moderate Positionen eingehen sollten. 

Was könnte eine Korrektur auslösen? 

Historisch gesehen, etwa 1980 und 2011, war eine derartige Folge von Margin-Erhöhungen oft das letzte Mittel der Börse, um eine spekulative Parabel zu brechen. Die Börse will nicht auf Verlusten sitzen bleiben, falls der Preis plötzlich um 10 Prozent oder mehr einbricht. Solche „Margin-Kettenreaktionen“ können technische Korrekturen einleiten, solange das physische Angebot den Terminmarkt noch berücksichtigt. Ein Beispiel liefert das Frühjahr 2011: Innerhalb von zwei Wochen erhöhte die CME fünfmal die Margins, und der Silberpreis brach binnen weniger Tage um fast 30 USD ein. 

Heute ist die Ausgangslage jedoch anders. Zwar wurden die Hürden für den Einstieg in den Terminmarkt massiv erhöht, doch das fundamentale Angebotsdefizit lässt sich nicht wegregulieren. Seit Jahresbeginn gelten in China strikte Exportbeschränkungen. Als Hauptproduzent und größter Veredeler trocknet der globale Markt für physisches Silber (Granulat und Barren) zunehmend aus. 

Margin-Erhöhungen treffen vor allem gehebelte Spekulanten am Papiermarkt, während Industriekunden aus Photovoltaik, KI-Rechenzentren oder der Nuklearindustrie das Metall physisch benötigen – und nicht warten können. Hinzu kommt, dass Edelmetalle verstärkt als strategisches Metall und sicherer Hafen betrachtet werden. Institutionelle Käufer treten vermehrt auf, halten ihre Positionen zu 100 Prozent kapitalunterlegt und sind von Margin-Hikes unberührt.

Fazit: Eine seriöse Prognose der weiteren Kursentwicklung bleibt daher schwierig. 150 USD als nächste runde Marke im Rahmen eines (finalen) Squeeze sind ebenso möglich wie eine technische Korrektur in Richtung 70 bis 80 USD, nahe dem 50-Tage-Schnitt, der in den vergangenen Monaten mehrfach angelaufen wurde. Der Markt bewegt sich zwischen physischer Nachfrage, regulatorischem Rahmen und spekulativem Momentum – faszinierend, unberechenbar und spannend zugleich.

Benjamin Feingold

Benjamin Feingold ist Mit-Gründer von Feingold Research. Feingold bringt als langjähriger Redakteur beim Börsenmagazin “Börse Online” und der Wirtschaftszeitung “Financial Times” mehr als 20 Jahre Börsenerfahrung  mit. Er ist in zahlreichen Medien als Experte gefragt. Er ist außerdem mit Robert Lang Autor von “Handeln mit Futures und Optionen”.