Märkte
Die Kapitalmarktunion als wichtiger Baustein zur Stärkung Europas
Felix Schmidt, Berenberg
Europa lernt derzeit auf dem harten Weg, wie abhängig es von den beiden größten Volkswirtschaften der Welt ist. Während die USA alte Bündnisse infrage stellen und zu protektionistischen Handelspraktiken zurückkehren, ringt China europäischen Unternehmen mit subventionierten Produkten Weltmarktanteile ab und nutzt seine Monopolstellung bei diversen Rohstoffen als Druckmittel in Verhandlungen. Europa ist aus seinem Dornröschenschlaf aufgewacht und hat keine andere Wahl als die Flucht nach vorne anzutreten, um die eigene Souveränität und Resilienz zu stärken.
Dr. Felix Schmidt, Berenberg
Ökonomische Zwerge
Einzelne Volkswirtschaften in der Eurozone sind im globalen Vergleich mittlerweile ökonomische Zwerge. Selbst Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, steht mittlerweile nur noch für vier Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Mitte der 1990er Jahre waren es noch acht Prozent. Die Staaten der Europäischen Union (EU) werden auf der Weltbühne zukünftig nur als Verbund auf Augenhöhe mit den großen globalen Akteuren agieren können. Doch auch hier gilt es, durch Reformen die Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken, um einerseits besser aus eigener Stärke heraus agieren zu können und um andererseits nicht noch weiter von den USA und China abgehängt zu werden. Während die EU bei ihrer Gründung noch für etwa ein Viertel der globalen Wertschöpfung stand, ist dieser Anteil mittlerweile auf rund 15 Prozent gesunken.
Wirtschaftliche Souveränität durch einen stärkeren Binnenmarkt
Europa muss durch Reformen seine Abhängigkeiten verringern und seine wirtschaftliche Souveränität stärken. Die EU wurde auf vier Grundfreiheiten gegründet. Dazu zählen der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Während für jede dieser Freiheiten bis heute noch bedeutende Hindernisse bestehen, ist insbesondere der Kapitalverkehr noch mit am stärksten eingeschränkt. Um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken, müssen die Schlagbäume für den europäischen Kapitalmarkt abgebaut werden. Dies würde ein enormes Potenzial freisetzen. Ein integrierter, und dadurch größerer und tieferer, Kapitalmarkt würde die Finanzierungsbedingungen für europäische Unternehmen deutlich verbessern. Nicht zuletzt, weil er auch eine umfangreichere Mobilisierung von privatem Kapital ermöglichen würde. Die Menschen in Europa sparen einen großen Anteil ihres Einkommens, 2025 waren es etwa 15 Prozent, während in den USA dieser Anteil nur bei etwa 4 Prozent liegt. Kapital, welches dringend benötigt wird, um die enormen Herausforderungen unserer Zeit wie beispielsweise die grüne und digitale Transformation finanzieren zu können.
Kapitalmarktintegration als Wachstumsmotor
Würden sich Unternehmen leichter über Ländergrenzen hinweg finanzieren können, würde dies auch die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken. Insbesondere Start-up-Unternehmen, die mit ihren innovativen Ideen die Wachstumsmotoren von morgen entwickeln, sind auf Wagniskapital angewiesen. Der fragmentierte Kapitalmarkt und der damit einhergehende erschwerte Zugang zu Finanzierungen sind entscheidende Gründe dafür, dass die europäische Start-up-Szene dem Silicon Valley noch immer weit hinterherhinkt. Aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) weist nicht ohne Grund mantraartig auf die Dringlichkeit einer tieferen Integration der europäischen Kapitalmärkte hin. Ein integrierter Markt sorgt nämlich auch dafür, dass die Geldpolitik der EZB in der Eurozone einheitlicher wirkt. Ein breiterer und tieferer Markt ist zudem robuster gegen Schocks und trägt somit zur Finanzstabilität bei. Zudem würde auch die Rolle des Euros als globale Währung gestärkt werden.
Politische Hürden und Reformbedarf
Die Kapitalmarktunion ist jedoch nicht ohne Grund ein Projekt, das bereits seit vielen Jahren diskutiert wird und zuletzt kaum vorankam. Die erforderlichen Maßnahmen greifen nämlich tief in das nationale Recht ein. Betroffen sind Insolvenzregeln für Unternehmen, das Steuerrecht und die Grundsätze der Rechnungslegung. Ein Prozess, der selbst unter optimistischen Annahmen viele Jahre dauern und nur in Etappen erfolgen kann. Derzeit scheint der äußere Druck jedoch wieder einmal dazu beigetragen zu haben, die Europäer aus ihrem Tiefschlaf zu holen. Es ist nun an der Zeit, weitere Schritte in Richtung eines echten Binnenmarktes für Kapital zu gehen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz Europas zu stärken. Auch der Ansatz, dass zunächst kleine Ländergruppen voranschreiten und weitere Länder später einsteigen, scheint mittlerweile eine Option zu sein, um überhaupt voranzukommen. Die Finanzmärkte sind hierbei aber nur ein Baustein in einer ganzen Reihe von Themen, bei denen Europa von einer größeren Koordination und Integration profitieren würde. Auch in den Bereichen Verteidigung, Energie und Telekommunikation bis hin zur europäischen Bankenunion ist Europa darauf angewiesen, stärker zusammenzuwachsen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.
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Felix Schmidt
Dr. Felix Schmidt ist Senior Economist bei Berenberg. Berenberg. Berenberg wurde 1590 gegründet und gehört heute mit den Geschäftsbereichen Wealth and Asset Management, Investmentbank und Corporate Banking zu den führenden europäischen Privatbanken. Das Bankhaus mit Sitz in Hamburg wird von persönlich haftenden Gesellschaftern geführt und hat eine starke Präsenz in den Finanzzentren Frankfurt, London und New York.