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Cybersicherheitsunternehmen zeigen der Softwarebranche, wie man mit KI umgeht
Team Goldman Sachs
Im ersten Quartal 2026 erlebte die Softwarebranche eine der stärksten Kurskorrekturen seit Jahren. Auslöser für den Ausverkauf war laut Goldman Sachs Research nicht die aktuelle Geschäftsentwicklung der Branche, sondern es waren vielmehr ihre langfristigen Aussichten. Angesichts des Wachstums von Anwendungen der künstlichen Intelligenz (KI) stellten Anleger die Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle des Sektors und die Angemessenheit seiner Wettbewerbsvorteile – oder „Wettbewerbshürden“ – in Frage.
Gabriela Borges, Analystin für den Software-Sektor bei Goldman Sachs Research, sagt jedoch, dass es Maßnahmen gibt, die Branchenführer ergreifen können, um den Herausforderungen der KI zu begegnen. Als Inspiration könnten sie sich einen bestimmten Technologie-Teilsektor ansehen – die Cybersicherheit.
In ihrem unermüdlichen Kampf gegen digitale Angreifer haben Cybersicherheitsfirmen die Fähigkeit entwickelt, sich schnell an plötzliche technologische und strategische Herausforderungen anzupassen. Sie sind besonders geschickt darin geworden, durch Fusionen und Übernahmen (M&A) Lücken in ihren Kompetenzen zu schließen. Ihre Widerstandsfähigkeit ist ein wichtiger Grund dafür, dass US-Cybersicherheitsaktien in diesem Jahr gemessen am Verhältnis von Unternehmenswert zu erwarteten Umsätzen (Stand: 15. April 2026) mit einem Aufschlag von 24 Prozent gegenüber der breiteren US-Softwarebranche gehandelt werden, sagt Borges.
„In den letzten zehn Jahren hatten Cybersicherheitsfirmen mit existenziellen Bedrohungen zu kämpfen“, erklärt Borges im Interview. „Jetzt zeigen sie, wie gute Innovation und dauerhafte Wettbewerbsvorteile im Laufe der Zeit aussehen. Sie setzen einen hohen Maßstab für die gesamte Softwarebranche.“
Im Interview spricht Borges über die Stärke der Cybersicherheitsbranche im Umgang mit disruptiven Technologien sowie darüber, was Softwareunternehmen tun können, um diesem Beispiel zu folgen, und warum ein wenig bekanntes Konzept namens „technische Schulden“ für Investoren in diesem Bereich immer wichtiger wird.
Inwiefern sind Cybersicherheitsunternehmen gut positioniert, um mit Bedrohungen wie KI umzugehen?
Gabriela Borges: Der größte Unterschied zwischen der Cybersicherheit und so gut wie jedem anderen Technologiebereich besteht darin, dass Forschung und Entwicklung hier eher revolutionär als evolutionär sind. Was bedeutet das also? In der Cybersicherheit stehen Sie einem aktiven Gegner gegenüber, einem Bösewicht, einem Hacker. Dieser versucht ständig, Ihr Produkt anzugreifen.
Man kann nicht einfach jedes Jahr das gleiche Produkt ein bisschen schneller und ein bisschen besser machen und erwarten, damit ein leistungsstarkes, effektives Sicherheitssoftwaretool zu haben. Man muss auf die nächste große Sicherheitsbedrohung vorbereitet sein, die wir nicht vorhersagen können. Und im Gegensatz zu Software-as-a-Service-Unternehmen (SaaS-Unternehmen), die vielleicht etwas weniger Erfahrung im Umgang mit einem derart disruptiven Umfeld haben, verfügen Sicherheitsunternehmen über diese Erfahrung. Sie sind kampferprobt.
Wie bleiben Cybersicherheitsfirmen an der Spitze der Innovationskurve?
Gabriela Borges: Die besten Sicherheitsplattformen sind wirklich gut darin, Lücken in ihrer organischen Produktentwicklungsroadmap zu identifizieren und anzuerkennen, dass es nicht immer sinnvoll ist, neue Funktionen selbst zu entwickeln. Stattdessen schauen sie sich die Start-up-Pipeline an, erwerben die besten und vielversprechendsten Unternehmen und stellen solche Produkte ihren Kunden zur Verfügung, sobald sie dafür bereit sind.
Denn führende Cyberunternehmen kaufen nicht einfach ein Start-up auf und integrieren dessen Technologie so schnell wie möglich notdürftig in ihre eigenen Plattformen. Sie nehmen sich Zeit, um die übernommenen Unternehmen zu integrieren. Ich berichte über ein führendes Unternehmen, das 18 Monate brauchte, um ein Unternehmen mit 10 Millionen Dollar Umsatz zu integrieren. Als sie schließlich ein integriertes Produkt auf den Markt brachten, konnte es sehr schnell skalieren, und die Kunden erkannten seine Wirksamkeit auf Anhieb. Fünf Jahre später ist es nun der Eckpfeiler eines Geschäfts, das mehr als 500 Millionen Dollar erwirtschaftet hat. Man sieht also, wie dieser Deal zu einem enormen Aktivposten für das Unternehmen wurde.
Sollten Softwareunternehmen also diesem Beispiel folgen?
Gabriela Borges: Ja. Für Softwareunternehmen ist es unserer Meinung nach viel sinnvoller, wenn die Risikokapitalbranche Innovationen der nächsten Generation fördert, anstatt sich zu sehr auf die organische Entwicklung neuer Fähigkeiten zu verlassen. Dann können die Führungsteams von Softwareunternehmen die beste Technologie auswählen und erwerben.
Was sollten Softwareunternehmen sonst noch tun, um ihr Terrain gegen KI-Konkurrenten zu verteidigen?
Gabriela Borges: Der erste Schritt für Unternehmen besteht darin, sicherzustellen, dass sie so wenig technische Schulden wie möglich auf ihrer Plattform haben.
Technische Schulden?
Gabriela Borges: Dies ist ein Begriff für Technologie, die einer Plattform angefügt wird – oft durch die Übernahme anderer Unternehmen oder weil das interne Forschungs- und Entwicklungsteam nicht vollständig aufeinander abgestimmt ist –, die zukünftig aber enorme Anpassungskosten mit sich bringen wird. Im Laufe der Zeit erben Unternehmen Codebasen, die sich vom Code ihres Kernprodukts unterscheiden. Anstatt den Code neu zu schreiben, um sicherzustellen, dass er zu 100 Prozent integriert ist, fügen viele Unternehmen die Teile einfach zusammen und hoffen auf das Beste. Es ist wie der Unterschied zwischen einer sorgfältigen zweijährigen Renovierung eines alten Hauses und einem zweimonatigen Projekt, bei dem an allen Ecken und Enden gespart wird.
Man möchte sicherstellen, dass die gesamte Technologie auf der bestehenden Plattform reibungslos zusammenarbeitet. Man kann keine KI-Tools auf einer Plattform entwickeln, wenn diese keine strukturelle Integrität aufweist und schlecht in Altsysteme integriert ist. Ich glaube, dass das Management technischer Schulden und die daraus resultierende schnelle Innovationsfähigkeit auf der Liste der Dinge, nach denen Investoren suchen, immer weiter nach oben rücken.
Es gab viele Spekulationen darüber, dass KI das Ende des Modells SaaS (Software-as-a-Service, also Software als Dienstleistung) bedeuten könnte. Ist das übertrieben?
Gabriela Borges: Ja, das ist es. In der Vergangenheit wurde Software nach dem sogenannten „Seat Count“ verkauft, einem Lizenzmodell, bei dem der Preis von der Anzahl der Nutzer bei einem Kunden abhängt. Jetzt sehen wir, dass Seat Counts mit anderen Preismodellen kombiniert werden, beispielsweise mit einem Modell, das auf einem bestimmten Ergebnis basiert.
Am sinnvollsten ist es, den Kunden eine weiterentwickelte Version der gebündelten Preisgestaltung anzubieten, die KI-Funktionalitäten beinhaltet. Dann haben die Kunden eine gewisse Flexibilität. Ich glaube nicht, dass die Preisgestaltung so disruptiv sein wird, wie Investoren befürchten.
Und was könnte denn noch disruptiver sein? Viel mehr Wettbewerb. Das ist disruptiv.
Inwiefern?
Gabriela Borges: Der große Unterschied zwischen dieser Korrektur und früheren liegt darin, dass wir derzeit keine nennenswerten Veränderungen im Nachfrageumfeld oder bei den wichtigsten Leistungskennzahlen für Software beobachten. Was wir sehen, ist ein großes Fragezeichen hinsichtlich der Beständigkeit von Wettbewerbsvorteilen und der Frage, ob die Architektur der heutigen Softwaremarktführer KI-fähig ist.
Bei diesen Debatten geht es um Grundprinzipien: Wodurch unterscheiden sich die Produkte eines Unternehmens? Und wie beurteilen Sie die Nachhaltigkeit dieser Differenzierung im Laufe der Zeit, insbesondere angesichts der rasanten Veränderungen in der Landschaft der großen Sprachmodelle (LLM)? Sicher ist, dass die Messlatte für das Angebot eines differenzierten Produkts auf dem Markt immer höher gelegt wird.
Wie werden Investoren angesichts des zunehmenden Wettbewerbs Softwareunternehmen, die es verstanden haben, von denen unterscheiden, die es nicht verstanden haben?
Gabriela Borges: Wir haben es kürzlich so formuliert: „gute Kundenbindung“ versus „schlechte Kundenbindung“. Gute Kundenbindung bedeutet, dass Ihre Kunden Sie lieben. Sie sind innovativ. Ihre Produkte helfen Ihren Nutzern, ihre Arbeit besser zu erledigen. Dann gibt es die schlechte Kundenbindung. Sie haben eine Nutzerbasis, die ziemlich unzufrieden ist, aber es ist wirklich schwer, von Ihrer Software wegzukommen, weil sie viele Richtlinien und Protokolle eines Unternehmens abbildet.
Was uns die großen Sprachmodelle (LLMs) zeigen, ist, dass schwache Wettbewerbsvorteile schnell schwinden. Es spielt keine Rolle, in welcher Softwarekategorie Sie tätig sind. Es strömen unzählige neue Marktteilnehmer in diesen Bereich, und sie starten mit einem leeren Blatt Papier. Können Sie also mit KI-Tools etwas entwickeln, das ein besseres Kundenerlebnis bietet?
Und können sie das?
Gabriela Borges: Was uns Softwareunternehmen immer wieder erzählen, ist, dass sie die etablierten Akteure sind. „Wir verfügen über Branchenerfahrung. Wir verstehen, wie dieses Geschäft funktioniert, und sind seit 10, 20, 40 Jahren in Unternehmen etabliert.“ Nun, wenn das der Fall ist, beweisen Sie es. Beweisen Sie, dass Ihre etablierte Position und Ihre Branchenerfahrung ein besseres Produkt für Ihre Kunden liefern können. Damit wäre die Preisfrage gelöst und die Frage nach dem Geschäftsmodell würde an Bedeutung verlieren.
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Quelle: Der Beitrag wurde am 23. April 2026 unter dem Titel „Cybersecurity Firms Show Software Industry How to Navigate AI“ auf www.goldmansachs.com im Bereich Insights/Articles veröffentlicht. Bitte beachten Sie, dass die darin getroffenen Aussagen keine Anlageempfehlungen darstellen.