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Bitcoins plötzliche Emanzipation
Adrian Fritz, 21Shares
Welche Entwicklungen prägen gegenwärtig den Krypto-Markt? Das erklären wir in unserem kompakten, wöchentlich erscheinenden Überblick. Das aktuelle Update beleuchtet erneut die Entwicklung von Bitcoin in Zusammenhang mit der aktuellen geopolitischen Krise mit dem Epizentrum Iran – und der Frage, warum Bitcoin sich anders verhält als andere, "krisensichere" Assets.
Adrian Fritz, 21Shares
Warum die alte Krypto-Logik im März versagte
Der März 2026 hat an den traditionellen Märkten Spuren hinterlassen. Während Aktien und sogar das klassische Krisen-Asset Gold unter Druck gerieten, zeigte Bitcoin ein Verhalten, das viele Marktbeobachter überrascht hat: Er entkoppelte sich von der allgemeinen Panik.
Um zu verstehen, was hier passiert ist, lohnt sich ein Blick auf die nackten Zahlen der jüngsten geopolitischen Eskalation.
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“Das große Decoupling”: Eine einfache Performance-Gegenüberstellung seit Beginn der US-Operation im Iran. Sie zeigt Bitcoin im Plus (+5 Prozent bis +10 Prozent), während Gold (bis zu -15 Prozent) und der S&P 500 (bis zu -5 Prozent) spürbar nachgeben.
Warum Bitcoin stieg, während Gold fiel
Normalerweise reagiert Bitcoin auf makroökonomische Schocks wie ein hochgehebeltes Tech-Asset: Wenn die Angst regiert, wird Krypto verkauft, um Liquidität zu beschaffen. Doch der März verlief anders. Die US-israelische Operation in der Straße von Hormus – durch die rund 20 Prozent des weltweiten Erdöls fließen – trieb den Ölpreis über die Marke von 100 US-Dollar und schürte neue Inflationsängste. Die Zinsen stiegen rasant, "Higher for longer" wurde an der Wall Street wieder zum Schreckgespenst.
In einem solchen Umfeld fallen normalerweise riskante Assets. Dass Bitcoin dennoch von rund 66.000 auf in der Spitze 76.000 US-Dollar kletterte, hat zwei handfeste Gründe:
- Der Verkäufer-Streik: Nach fünf Monaten mit negativer Performance war der Markt schlichtweg "bereinigt". Die gehebelten Positionen waren aufgelöst, die Zwangsverkäufer erschöpft. Bitcoin hielt sich nicht unbedingt deshalb so stark, weil er plötzlich der ultimative sichere Hafen war – sondern weil kaum noch jemand da war, der verkaufen musste.
- Reale Fluchtbewegungen: Berichte über massiven Kapitalabfluss von iranischen Krypto-Börsen in die private Verwahrung (Self-Custody) zeigen die alte Stärke von Bitcoin: Er ist grenzenlos und zensurresistent. Wenn das eigene Bankensystem im Kriegsfall wackelt, wird Bitcoin zum digitalen Fluchtkoffer.
Regulierung und Markttechnik: Was die Daten verraten
Abseits der Geopolitik gab es am 17. März einen Paukenschlag der US-Regulierer. Die SEC und die CFTC haben gemeinsam 16 Krypto-Assets – darunter Bitcoin und Ethereum – als digitale Rohstoffe (Commodities) eingestuft. Damit fällt die jahrelange Drohung weg, diese Assets könnten nachträglich als illegale Wertpapiere eingestuft werden. Für institutionelle Investoren ist das grünes Licht.
Wer tiefer in die Markttechnik blickt, sieht ein hochinteressantes Bild im Optionsmarkt. Hier hilft ein Blick auf zwei Kennzahlen: Open Interest und den Max-Pain-Punkt.
Exkurs – Open Interest: Bezeichnet den Gesamtwert aller offenen, noch nicht abgewickelten Options- oder Future-Kontrakte. Es zeigt, wie viel "echtes Geld" gerade im Spiel ist. Im Vergleich zu 2025 ist das Open Interest um 25 Prozent geschrumpft. Der Markt hat also weniger riskante Schulden (Hebel), was ihn stabiler macht.
Max-Pain-Punkt: Das ist das Kursniveau, bei dem die meisten Optionskontrakte wertlos verfallen würden. Da die Herausgeber dieser Optionen (meist große Banken) ihre Risiken absichern, wirkt dieser Punkt oft wie ein Magnet auf den tatsächlichen Bitcoin-Kurs, wenn der Ablauftermin näher rückt. Dieser "Magnet" hat sich im März massiv nach oben verschoben – von ehemals knapp über 60.000 auf nun rund 75.000 US-Dollar.
Aktuell tänzelt der Kurs um die 69.000 US-Dollar. Er liegt damit knapp über der charttechnisch wichtigen 50-Tage-Linie. Hält diese Unterstützung, dient sie in der Regel als Sprungbrett für neue Höchststände.
Ausblick: Die zwei Szenarien für das zweite Quartal
Wie geht es weiter? Das makroökonomische Umfeld bleibt fragil, aber die Krypto-Struktur ist so sauber wie lange nicht mehr. Wir sehen aktuell zwei Hauptszenarien:
- Das Bullen-Szenario: Stabilisierung und Ausbruch (Mittlere Wahrscheinlichkeit)
Sollte es im Nahen Osten zu einer Deeskalation kommen (die Prognosemärkte wie Polymarket beziffern die Chance auf einen Waffenstillstand bis Juni immerhin auf über 60 Prozent) und die Inflationsangst nachlassen, dürfte Bitcoin die Marke von 76.000 US-Dollar nachhaltig durchbrechen. Fließen dann die ETF-Gelder – die im März mit 1,6 Milliarden US-Dollar netto wieder stark zurückkamen – weiter so stabil zu, ist der Weg in Richtung 85.000 US-Dollar frei. - Das Bären-Szenario: Zermürbende Konsolidierung (Geringe Wahrscheinlichkeit)
Bleibt die Straße von Hormus langfristig blockiert, führt der Ölpreis-Schock zu einer hartnäckigen Inflation. Die US-Notenbank Fed müsste die Zinsen eventuell sogar wieder anheben. In diesem Szenario bleibt Liquidität knapp. Bitcoin könnte unter die Marke von 65.000 US-Dollar rutschen und noch einmal die alte Unterstützungszone zwischen 56.000 und 58.000 US-Dollar testen.
Der März hat gezeigt, dass Bitcoin erwachsen wird. Er reagiert nicht mehr nur reflexartig auf fallende Aktienkurse, sondern entwickelt ein Eigenleben als geopolitisches Ventil und liquider digitaler Rohstoff.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in den aktuellen Research Insights von 21shares.
Adrian Fritz
Adrian Fritz ist Global Head of Research und verantwortet bei 21Shares die Research-Abteilung des Krypto-ETP-Anbieters. Fritz ist zusammen mit seinem Team für die Bereitstellung von Einblicken in den Kryptomarkt zuständig, einschließlich der Bereiche DeFi, NFTs, Krypto-Infrastruktur und den Entwicklungen von Krypto im Kontext der globalen Wirtschafts- und Geopolitik. Er absolvierte ein Masterstudium an der HULT International Business School in San Francisco und begann seine Karriere als Stockbroker in New York. Bevor er zu 21Shares kam, war er unter anderem bei Signature Management Consultants SL in Barcelona und als Financial Analyst bei Cellnex Telecom in Zürich tätig.